Was ist besser: Feng Shui oder Vastu? Zwei Raumlehren im Vergleich
Was ist besser: Feng Shui oder Vastu? Und worin unterscheiden sich das traditionelle chinesische Feng Shui und Vastu, das häufig auch als vedisches Feng Shui bezeichnet wird, eigentlich?
Vielleicht bist du bereits mit Feng Shui in Berührung gekommen und hast irgendwann festgestellt, dass es neben der chinesischen Raumlehre noch eine weitere, sehr alte Lehre gibt, die sich mit der energetischen Qualität unserer Räume beschäftigt: Vastu oder Vastu Shastra, dessen Ursprünge in Indien liegen.
Auf den ersten Blick wirken beide erstaunlich ähnlich. Beide betrachten ein Haus nicht einfach als Ansammlung von Wänden, Möbeln und schönen Dingen. Sie gehen davon aus, dass Räume eine Wirkung auf uns haben und dass die Art, wie ein Gebäude ausgerichtet, aufgebaut und genutzt wird, Einfluss darauf nehmen kann, wie wohl und unterstützt wir uns darin fühlen.
Und trotzdem gibt es entscheidende Unterschiede.
Die Frage ist deshalb für mich weniger, welche der beiden Lehren „besser“ ist. Viel spannender ist die Frage: Wie schauen Feng Shui und Vastu auf einen Raum und was können wir aus diesen unterschiedlichen Perspektiven für unser Zuhause mitnehmen?

Feng Shui und Vastu: Zwei Lehren, ein ähnlicher Gedanke
Feng Shui stammt aus China und bedeutet übersetzt „Wind und Wasser“. Die traditionelle Lehre entwickelte sich über Jahrtausende aus der Beobachtung der Natur und ihrer Gesetzmäßigkeiten.
Im Zentrum steht das Chi, die Lebensenergie, die uns ebenso umgibt, wie sie unsere Räume durchströmt. Feng Shui beschäftigt sich damit, wie diese Energie aufgenommen, gelenkt und harmonisiert werden kann.
Ich beschreibe Feng Shui deshalb gerne als Akupunktur für den Raum.
Denn ähnlich wie bei der Akupunktur geht es darum, Blockaden wahrzunehmen, Zusammenhänge zu verstehen und Bedingungen zu schaffen, unter denen Energie wieder harmonischer fließen kann.
Vastu Shastra hat seine Wurzeln hingegen in Indien und ist eng mit der vedischen Tradition verbunden. „Vastu“ lässt sich sinngemäß mit Wohnstätte oder Lebensraum übersetzen, „Shastra“ mit Lehre oder Wissenschaft.
Auch hier wird ein Gebäude nicht isoliert betrachtet. Der Mensch, sein Lebensraum, die Natur, die Elemente und die kosmischen Gesetzmäßigkeiten stehen miteinander in Verbindung.
Der Grundgedanke ist also erstaunlich verwandt: Ein Raum ist mehr als seine sichtbare Materie.
Der größte Unterschied zwischen Feng Shui und Vastu
Einer der wesentlichen Unterschiede liegt darin, wie beide Systeme mit Himmelsrichtungen und der energetischen Struktur eines Gebäudes umgehen.
Im Vastu spielen die Himmelsrichtungen eine sehr zentrale und vergleichsweise feste Rolle. Norden, Osten, Süden und Westen sowie die Zwischenrichtungen werden bestimmten Qualitäten und Funktionen zugeordnet. Auch die Mitte eines Gebäudes besitzt eine besondere Bedeutung.
Dadurch beginnt Vastu im Grunde bereits sehr früh, idealerweise bei der Wahl eines Grundstücks, der Ausrichtung und dem Grundriss eines Hauses.
Das traditionelle Feng Shui betrachtet die Himmelsrichtungen ebenfalls sehr genau. Allerdings werden sie in ein komplexeres Zusammenspiel verschiedener Faktoren eingebettet.
Neben der Ausrichtung eines Gebäudes können beispielsweise die Umgebung, Geländeformen, Wasser, Straßen, der Zeitpunkt der Errichtung und die Menschen, die dort leben, in die Betrachtung einfließen.
Während Vastu also stärker von einer grundlegenden kosmischen Ordnung des Raumes ausgeht, betrachtet Feng Shui sehr intensiv das individuelle Zusammenspiel zwischen Ort, Zeit, Raum und Mensch.

Die fünf Elemente: ähnlich und doch nicht gleich
Besonders schön lässt sich die Verwandtschaft beider Systeme an den Elementen erkennen.
Im traditionellen Feng Shui arbeiten wir mit den fünf Wandlungsphasen Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser. Sie stehen nicht einfach für bestimmte Materialien oder Farben, sondern beschreiben unterschiedliche energetische Qualitäten und deren Beziehungen zueinander.
Im Vastu finden wir ebenfalls fünf Elemente, die sogenannten Pancha Mahabhutas: Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum beziehungsweise Äther.
Schon hier zeigt sich etwas Interessantes.
Die Systeme sprechen nicht exakt dieselbe Sprache und doch versuchen beide, etwas Ähnliches greifbar zu machen: die Kräfte der Natur und ihre Wirkung auf unseren Lebensraum.
Vielleicht liegt genau darin auch eine Einladung, Räume wieder weniger als etwas Starres zu betrachten. Nicht nur zu fragen: Welche Farbe passt zu diesem Sofa? Sondern auch: Welche Qualität braucht dieser Raum eigentlich? Was fehlt ihm? Was ist vielleicht zu viel geworden? Und wie fühle ich mich, wenn ich mich darin aufhalte?
Feng Shui betrachtet auch die Zeit
Ein weiterer wichtiger Unterschied ist die Bedeutung der Zeit.
Im traditionellen Feng Shui ist ein Haus energetisch nicht vollkommen statisch. Je nach angewandter Methode können zeitliche Zyklen eine wesentliche Rolle spielen. Ein Gebäude wird also nicht nur danach betrachtet, wo es steht und wie es ausgerichtet ist, sondern auch danach, wann es entstanden beziehungsweise maßgeblich geprägt worden ist.
Dadurch entsteht ein sehr individueller Blick auf ein Gebäude.
Zwei Häuser mit einem ähnlichen Grundriss müssen energetisch nicht zwangsläufig gleich beurteilt werden. Und selbst innerhalb eines Hauses können Räume unterschiedliche Qualitäten besitzen, die wiederum unterschiedlich mit den Menschen harmonieren, die dort leben.
Vastu arbeitet stärker mit einer übergeordneten Ordnung, die sich aus Himmelsrichtungen, Elementen und der Struktur des Raumes ergibt.
Vereinfacht könnte man sagen: Vastu fragt stärker danach, wie ein Raum im Einklang mit einer universellen Ordnung aufgebaut sein sollte. Feng Shui fragt sehr genau danach, welche energetische Situation an diesem konkreten Ort, zu dieser Zeit und für diese Menschen vorhanden ist.
Was bedeutet das für bestehende Häuser und Wohnungen?
Genau hier wird der Unterschied im Alltag besonders spannend.
Denn die wenigsten von uns stehen auf einem leeren Grundstück und können ihr Zuhause von Grund auf nach energetischen Gesichtspunkten planen.
Wir leben in Altbauwohnungen, Reihenhäusern, sanierten Höfen oder Häusern, deren Eingang nun einmal dort liegt, wo er liegt. Wände können nicht beliebig verschoben werden und die Himmelsrichtung unseres Schlafzimmers lässt sich ebenfalls nicht einfach verändern.
Deshalb interessiert mich bei einer Raumgestaltung nicht nur das theoretische Ideal.
Mich interessiert: Was ist jetzt da und wie können wir damit arbeiten?
Feng Shui bietet sehr differenzierte Möglichkeiten, eine bestehende Situation zu analysieren und mit ihr umzugehen. Dabei muss am Ende kein Raum entstehen, dem man sein Feng Shui ansieht.
Im Gegenteil.
Für mich darf ein energetisch stimmiger Raum modern, reduziert, individuell und selbstverständlich aussehen. Denn ein gutes Raumgefühl braucht keinen Klimbim.
Es geht darum, Gestaltung mit dem zu verbinden, was mehr ist als Materie.

Feng Shui oder Vastu: Was ist nun besser?
Vielleicht ist die Antwort ein wenig unbefriedigend, wenn du auf einen klaren Sieger gehofft hast: Keines von beiden ist grundsätzlich besser.
Feng Shui und Vastu sind zwei sehr alte Systeme, die in unterschiedlichen Kulturen entstanden sind und jeweils ihre eigene Sprache, Methodik und Philosophie entwickelt haben.
Vastu legt einen starken Fokus auf die ursprüngliche Ordnung, Ausrichtung und Struktur eines Gebäudes. Feng Shui betrachtet ebenfalls Ausrichtung und Umgebung, bezieht aber, je nach Methode, zusätzlich zeitliche und individuelle Faktoren sehr differenziert ein.
Und unter all diesen Unterschieden liegt etwas Verbindendes, denn Lehren erinnern uns daran, dass wir nicht getrennt von unseren Räumen leben.
Wir beeinflussen unsere Umgebung und unsere Umgebung beeinflusst uns.
Vielleicht kennst du dieses Gefühl selbst. Du betrittst einen Raum und kannst gar nicht genau erklären, warum du dich dort sofort entspannst. In einem anderen Raum stimmt auf dem Papier alles, er ist schön eingerichtet, die Farben harmonieren, die Möbel sind hochwertig und trotzdem möchtest du nicht lange bleiben.
Genau an diesem Punkt beginnen Feng Shui und Vastu interessant zu werden.
Denn beide schauen hinter das Sichtbare. Sie fragen nicht nur, wie ein Raum aussieht, sondern welche Qualität er besitzt, wie Energie sich darin bewegt und wie der Mensch mit diesem Raum in Beziehung steht. Vielleicht müssen wir uns deshalb gar nicht entscheiden, welche der beiden Lehren die bessere ist und dürfen wir vielmehr erkennen, wie verwandt sie in ihrem tiefsten Gedanken sind: Ein Zuhause kann mehr sein als ein schöner Ort. Es kann ein Raum sein, der uns trägt, stärkt und uns immer wieder dabei unterstützt, bei uns selbst anzukommen.
Und vielleicht ist genau das die schönste Frage, die wir unseren Räumen stellen können:
Unterstützt mich mein Zuhause in dem Leben, das ich heute führen möchte?




Kommentare